Die Idee kam Patrick Warnke als Student in Australien: „Die Klimaanlagen haben unangenehm gerochen“, erinnert sich der Professor für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. „Die Australier haben Eukalyptusöl hineingesprüht, und plötzlich waren die Geräte geruchsfrei.“
Zurück an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel, probierte Warnke die gleiche Strategie bei Patienten mit übel riechenden Tumoren im Gesichts- und Halsbereich.
„Zweimal täglich spülten wir die Geschwüre mit einer Mischung aus ätherischen Ölen, überwiegend Eukalyptus“, berichtet er. „Bereits am dritten oder vierten Tag war der faulige Geruch verschwunden.“ Auch die Entzündungen bildeten sich zurück. „Die Patienten mussten nicht mehr isoliert werden und konnten wieder nach Hause zu ihren Angehörigen. Für die Betroffenen war dies ein großer Gewinn an Lebensqualität.“
Der Kieferchirurg beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Am Kieler Institut für Infektionsmedizin ließ er verschiedene ätherische Öle auf ihre antimikrobielle Wirksamkeit testen und mit herkömmlichen Antiseptika wie Chlorhexidin und Polyvidon-(PVP-)Jod sowie mit 70-prozentigem Alkohol vergleichen.
„Die Tests zeigten, dass manche ätherische Öle das Wachstum von Bakterien und Pilzen hemmen“, sagt der Kieler Mikrobiologe Professor Rainer Podschun. Wie die Forscher in der Zeitschrift für Zahnärztliche Implantologie berichten, zeigen die Öle von Eukalyptus, Teebaum, Thymian, Zitronen, Zitronengras und Nelken deutliche Hemmeffekte bei Staphylokokken, Streptokokken und Candida-Pilze.
Wirksam gegen Problemkeime
Warnke, der inzwischen einen Lehrstuhl an der australischen Bond-Universität innehat, sieht seine Vermutung bestätigt: „Die geruchsstoppende Wirkung der Naturstoffe beruht auf ihren antimikrobiellen Eigenschaften“, berichtet er.
„Besonders beeindruckend ist die intensive Wirkung gegen klinische Problemkeime wie den Methicillinresistenten Staphylococcus aureus (MRSA), die auf herkömmliche Antibiotika nicht mehr ansprechen.“ Diese Keime verursachen oft gefährliche Wundinfektionen. Auch der Pilz Candida krusei, der bei immungeschwächten Patienten zu lebensbedrohlichen Infektionen führen kann, wurde im Laborversuch gehemmt.
Mit ihrer Studie bestätigen die Kieler Forscher naturheilkundliche Erfahrungen: Die Ureinwohner Australiens etwa nutzen Teebaumöl seit Jahrhunderten als Wundheilungsmittel, Nelkenöl diente schon unseren Vorfahren als Hausmittel bei Zahnschmerzen und Entzündungen der Mundschleimhaut.
Doch die duftenden Naturstoffe können noch mehr: „Sie wirken nicht nur antimikrobiell, sondern auch entzündungshemmend und krampflösend“, erklärt Professor Hildebert Wagner vom Zentrum für Pharmaforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Daher eignen sie sich hervorragend zur Behandlung von Atemwegsinfekten und können eine Antibiotikatherapie sinnvoll unterstützen.“
Gegen Erkältungskrankheiten gibt es zahlreiche Fertigpräparate mit ätherischen Ölen zum Einnehmen, Gurgeln, Inhalieren und Einreiben. „Für viele ätherische Öle, beispielsweise aus Eukalyptus und Thymian, liegen umfassende wissenschaftliche Daten vor“, sagt Heilpflanzen-Experte Wagner.
Die Wirksamkeit von Teebaumöl dagegen war lange Zeit umstritten. „Mit unserer Studie konnten wir aber zeigen, dass es tatsächlich wirkt“, sagt Warnke. „Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten der Wundbehandlung.“
Interessant für die Zahnmedizin
Vor allem ihre Effizienz gegen Problemkeime macht die duftenden Naturstoffe als Alternative zu herkömmlichen Antibiotika therapeutisch interessant. Allerdings eignen sich ätherische Öle bislang nur zur lokalen Anwendung.
„Äußerlich angewandt, könnten sie zur Therapie von oberflächlichen Wundinfektionen dienen oder die Zahl der Problemkeime auf Schleimhäuten reduzieren“, sagt Mikrobiologe Rainer Podschun.
Er sieht jedoch noch großen Forschungsbedarf: „Bisher haben wir nur die Wirkung auf bestimmte grampositive Bakterien getestet, aber nicht auf gramnegative und anaerobe Keime“, gibt Podschun zu bedenken. „Aus Laborversuchen können wir zudem nicht ableiten, wie ätherische Öle wirken, wenn sie beim Menschen angewandt werden.“
Auch für die Zahnmedizin eröffnen sich interessante Perspektiven. Ätherische Öle könnten zur Desinfektion genutzt werden – beispielsweise, wenn bei Zahnimplantaten Infektionen an der Kontaktfläche auftreten. „Da zunehmend mehr Implantate gesetzt werden, treten auch solche Infektionen häufiger auf“, erklärt Kieferchirurg Warnke. „Bisher gibt es dafür noch keine überzeugende Therapie.“
Zahnmediziner suchen deshalb nach Alternativen. „Sollten sich die antimikrobiellen Effekte bei den entsprechenden Keimen bestätigen, könnten die Öle ein neues Therapiekonzept zur lokalen Behandlung implantatbedingter Entzündungen sein“, sagt Warnke. „Problematisch bei der Anwendung in der Mundhöhle ist jedoch der starke, oft bittere Eigengeschmack.“
Ätherische Öle aus der Apotheke
Fertigpräparate mit ätherischen Ölen zur Wundbehandlung wird es so bald nicht geben. „Das würde teure und aufwendige Studien erfordern, die derzeit niemand finanzieren möchte“, sagt Warnke. Für die traditionellen Anwendungsgebiete, wie Erkältungen, Zahnschmerzen, kleinere Wunden, oder auch nur als Wohlfühlduft gibt es in der Apotheke hochwertige ätherische Öle und Mischungen.
„In seltenen Fällen verursachen sie jedoch Allergien und Hautreizungen“, schränkt der pharmazeutische Biologe Wagner ein. „Stark riechen de Substanzen wie Eukalyptus- und Pfefferminzöl können bei Säuglingen und Kleinkindern zudem zu lebensbedrohlichen Atemstörungen führen.“ Auch Zahnarzt Warnke empfiehlt: „Lassen Sie sich vor der Anwendung ätherischer Öle in Ihrer Apotheke beraten.“
Apotheken-Qualität:
Bei handelsüblichen ätherischen Ölen gibt es große qualitative Unterschiede: „Duftmischungen enthalten oft synthetische Aromastoffe und zeigten in unserer Studie keine antibakterielle Wirksamkeit“, sagt Kieferchirurg Professor Patrick Warnke. In der Apotheke sind Sie auf der sicheren Seite: Die hier angebotene Ware erfüllt die strengen Anforderungen des Deutschen Arzneibuchs.
Barbara Kandler-Schmidt, Apotheken Umschau;
01.03.2011, aktualisiert am 28.09.2011
Bildnachweis: Look GmbH/travelstock44, Corbis GmbH/Klaus Tiedge
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